18.12.2011

Back in good ol' Germany

Nach dreieinhalb überwiegend schönen Jahren in Bulgarien, bin ich nun wieder zurück in Deutschland. Einfach fiel mir die Entscheidung nicht, zumal ich erstmal meine kleine Familie zurücklassen musste. Letztlich sind es aber die wirtschaftlichen Fakten, die mich dazu bewogen, diesen Schritt zu machen. Nachdem ich dieses Jahr einen wichtigen Kunden verloren habe und ein Einstieg als Festangestellter sich nicht so einfach gestaltete, muss ich mich nach anderen Optionen umschauen. Schon seit einiger Zeit habe ich mich gefragt, ob ich tatsächlich für immer in Bulgarien leben möchte. Als ich Deutschland verlassen habe, habe ich mir nur wenige Gedanken gemacht, ob ich nur vorübergehend im Ausland leben möchte oder eine Rückkehroption offen halten wollte. Sicher, wir haben die Kölner Wohnung noch ein Jahr lang untervermietet, für den Fall, dass ich mich nicht in Bulgarien einleben könne. Dem war aber nicht so, also kündigten wir die Wohnung, wir haben geheiratet und bald darauf kam auch Pauli.
Insgesamt habe ich mich immer sehr wohl gefühlt, sicher, die das ein oder andere hat mich auch gestört, aber den idealen Platz gibt es nicht. Es ist immer ein Abwägen. Mir hat aber die Vorstellung zunehmend Angst gemacht, irgendwann nicht mehr von Bulgarien wegzukommen. Die Verdienstmöglichkeiten dort sind nun einmal begrenzt und mit Mitte Dreißig ist ein Wechsel auch nicht mehr so einfach. Irgendwann ist auch ein Point of No Return erreicht. Und wenn man dann versucht, was zu finden und man sich nur Absagen holt, wird es unangenehm. Also habe ich mich in Deutschland beworben und wurde von Saatchi&Saatchi in Düsseldorf angenommen. Bislang habe ich den Wechsel nicht bereut, die Arbeit macht mir viel Spaß und die Kollegen sind alles sehr nett und professionell. Die restlichen Monate der Probezeit werden hoffentlich genauso gut weiter gehen.
Die nächste Hürde wird sein, die Familie wieder zusammen zu bringen. Dazu dann später mehr.

08.08.2011

Integration in Bulgarien

In Deutschland kommt keine Debatte über Ausländer an dem schönen Begriff Integration vorbei. Die Zugewanderten sollen sich gefälligst integrieren, Sprache lernen, Job finden und dann möglichst wenig auffallen, sei es durch Aussehen, Geruch oder merkwürdige Verhaltensweisen. Schließlich geht der Deutsche per se davon aus, dass seine Lebensweise vorbildlich und möglichst von vielen anderen nachgeahmt oder zumindest gutgeheißen wird.
Was passiert aber, wenn man als Deutscher ins Ausland geht. Ich spreche jetzt nicht von 2 Woche Mallorca, was ja nicht wirklich Ausland ist. Aber auch nicht die Schweiz, wohin es viele Deutsche in den letzten Jahren hingezogen hat und mehr als Auswandern light betrachtet werden kann.
Also wenn zum Beispiel nach Bulgarien geht, aus welchen Gründen auch immer (ich habe von deutschen Auswanderern schon die dollsten Begründungen gehört). Meine Beobachtungen in der deutschen Community zeigen, dass es häufig an Sprachkenntnissen fehlt und man sich, soweit es geht, mit deutschsprachigen Personal und Dienstleistern umgibt, die sich das entsprechend vergüten lassen. Die Gefahr ist dabei, dass man in einer Art Blase lebt und nicht so richtig mit der bulgarischen Wirklichkeit in Kontakt kommt. Ist vielen aber auch Recht so.

Man kann sich nämlich durchaus fragen, wie man sich als Integrationswilliger in Bulgarien integrieren soll, wo das Schmieren von Verkehrspolizisten zum Volkssport gehört? Besser noch, wo man an die Polizei Spenden entrichten kann und man so von Kontrollen unbehelligt bleibt, siehe hier:
http://www.novinite.com/view_news.php?id=130930

Oder was mach man als Deutscher mit dem deutschen Volkssport Mülltrennen? Es gibt dementsprechende bunte Container, diese werden aber häufig mit gewöhnlichen Müll befüllt, so dass man seinen säuberlich getrennten Müll DA nicht hineinwerfen möchte. Wenn man dann noch gesehen hat, wie der Müllwagen mehrere bunte Container in denselben Wagen entsorgt, fragt sich schnell nach dem Sinn seiner gutgemeinten Aktion.
Hoffentlich hat mich jetzt keiner gesehen...

Reicht es, wenn man sich angewöhnt hat, seinen Salat mit hochprozentigem Rakia zu verzehen, Chalga zu hören (was je nach Gesellschaft Abwehr oder Zustimmung hervorruft) und bei einer Verkehrskontrolle seinen Führerschein mit einer 20 Leva Note bestückt, um als gut integriert zu gelten? Man seinen Kopf zur Bestätigung schüttelt und zur Verneinung nickt?
Und was ist, wenn einem die Schwiegermutter, ob der noch nicht perfekten Bulgarischkenntnisse zu mehr Engagement ermahnt? Wenn man von Zufallsbekanntschaften zu hören, wie man denn dazu kommt, aus Deutschland weg nach Bulgarien zu ziehen?!?! Wo doch viele Bulgaren in genau die entgegengesetzte Richtung wollen. Wobei man mit dem Verweis auf die bulgarische Ehefrau mit einem verständnisvollem Nicken rechnen kann.
Überhaupt können einem viele Bulgaren selbst nicht genau erklären, woraus das Bulgarentum eigentlich besteht. Dazu haben 500 Jahre osmanische Besatzung und über vierzig Jahre Kommunismus erfolgreich verhindert, dass sich ein starkes Nationalbewusstsein herausbilden konnte. Häufig wird dieses Bewusstsein aus der frühesten Geschichte gezogen, vor den Türken, als Bulgarien noch groß und stark war. Kann das reichen?
Wie auch immer, es gibt auch viele schöne Dinge, die ich hier in Bulgarien gerne angenommen habe: Der Martenitza-Brauch im März, viel Salat essen (schmeckt auch ohne Rakia), überhaupt langsamer essen, Namenstage feiern, vieles entspannter sehen, man kann es doch nicht ändern, gute Weine genießen und schöne Spaziergänge abends am Meer.

Posdravi,
Ivan

11.02.2011

Die negative Top 10 über Bulgarien

Wie angekündigt, hier meine Negativ Top 10 über Bulgarien:

  1. Raucher:  Auch wenn gerade wieder ein Anti-Rauch-Gesetz in Kraft getreten ist, so enthält es doch wieder zahlreiche Ausnahmeregelungen, so dass man oft genug ungewollt im blauen Dunst sitzt.
  2. Marode Infrastruktur: Egal ob Schlagloch übersäte Straßen, anfällige Strom- und Wassernetze, lose Bodenplatten, all die Unzulänglichkeiten erschweren den Alltag  und können sogar gefährlich sein. Auch dass es bis heute keine einzige fertiggestellte Autobahn gibt, lässt einen mit diesem Lande hadern. Aber Boiko hat sich der Sache bereits inbrünstig angenommen.
  3. Unfertige Bauruinen: Sicherlich, man kann sich verkalkulieren, es kann eine weltweite Finanzkrise hereinbrechen, dennoch ist das Ausmaß, wie diese Betonriesen auf Jahre hinaus die Landschaft verschandeln, beachtlich.
  4. Streunende Hunde: Ich weiß, das ist nichts neues, aber dass die Verwaltung dieses Problem nicht in den Griff bekommt, trotz vielfacher Ankündigungen, ist ärgerlich und eine Gefahr für Mensch und Tier. Diese freilaufenden Tiere verbreiten Krankheiten und fallen Menschen an.
  5. Ne raboti: Wer sich eine zeitlang in  Bulgarien aufhält, wird mit Sicherheit diesen 2 Wörtern, hand- oder maschinen geschrieben, begegnet sein. Irgendwas ist irgendwo immer kaputt und die Firma die eigentlich für die Instandsetzung dieses Teils zuständig ist, vor kurzem pleite gegangen. Über was man am Anfang noch mit einem Lächeln hinwegsehen kann, wird mit der Zeit nervig. Besonders wenn man den vollen Preis bezahlt hat, aber nicht die volle Leistung erhält.
  6. Ausländerpolitik/EGN: Um es vorweg zu nehmen, Bulgaren sind sehr ausländerfreundlich. Häufig behandeln sie Ausländer, gerade wenn man aus dem vermeintlichen goldenen Westen kommt, besser als ihre Landsleute. Auch wenn sie es kaum nachvollziehen können, dass man sein Land verlassen hat, um in Bulgarien zu leben. Diesem Umstand ist es wohl zu verdanken, dass die Administration kaum Werkzeuge geschaffen hat, Ausländer in ihre Systeme zu integrieren. Bei Geburt bekommt jeder Bulgare eine persönliche EGN, die sich aus dem Geburtsdatum und besonderen Schlüsseln zusammensetzt. Mit Hilfe dieser Nummer kann man alles mögliche anstellen: Handyverträge abschließen, Bankkonten eröffnen, ein Auto anmelden, an Gewinnspielen teilnehmen, etc. Ausländer hingegen bekommen auch eine Nummer. Diese ist aber nicht mit der EGN kompatibel! Folglich kann man praktisch nichts machen, was eine EGN benötigt. Manchmal hat es aber auch seine Vorteile, Strafzettel können einem nur auf Umwegen zugestellt werden. Die meisten Verkehrspolizisten verzichten darauf.
  7. Brain Drain: Viele talentierte Bulgaren sehen leider keine Zukunft in ihrem Land oder kehren nach dem Auslandsstudium nicht mehr zurück. Die Folge ist, dass vielerorts Leute auf Positionen arbeiten, für die sie schlicht nicht qualifiziert sind. Bei einem so kleinen Land wie Bulgarien ist dieser Schwund spürbar. Zumal nur wenige nach Bulgarien ziehen und die Lücken schließen.
  8. Dreck: Einmal im Regen gefahren und das Auto sieht aus wie nach einer Dakar Etappe. Im Winter ist alles verschlammt und im Sommer verstaubt. Es gibt einfach weniger versiegelte Flächen als in Deutschland und die Straßen werden von Zigeunern mit Reisigfegern gereinigt.
  9. Mangelnder Umweltschutz: Auch wenn einem jeder Bulgare in schwärmerischem Ton die Schönheiten seines Landes lobpreisen kann. Sobald er sich an einem dieser Orte befindet, hinterlässt er einen Müllberg aus Pastikflaschen und Abfall. Auf die Liebe der Bulgaren zur Plastiktüte stößt man praktisch überall: in den Bäumen, den Flüssen und den Stränden. Sorry, aber da hört für mich die Toleranz auf.
  10. Boza: Tut mir leid, aber ich kriege das Getränk aus vergorenem Weizen einfach nicht runter. Ist türkischen Ursprungs und auf dem Balkan weit verbreitet. Dafür muss man wohl unterhalb des Boza-Äquators geboren worden sein.
Es gibt sicherlich auch in dieser Liste Punkte, über die sich trefflich streiten lässt oder die man noch hinzufügen konnte, aber diese Punkte sind nunmal meine persönliche Negativliste.

Ich möchte noch erwähnen, dass ich trotz allem sehr gerne in Bulgarien lebe und ich keine Pläne habe, das Land zu verlassen. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass man mit etwas gemeinsamer Anstrengung, aus Bulgarien einen sehr lebenswerten Ort schaffen kann.

Posdravi,
Ivan

10.02.2011

Top 10 of Bulgaria

Top 10 Listen sind ja immer ein großer Renner im Internet, daher meine Top 10 Liste.
Nach fast 3 Jahren in dem Lande kann ich meine ganz persönliche Favoritenliste erstellen. Ergänzungen und Kommentare herzlich willkommen:

  1. Natur: Auf relativ kleinem Raum hat man fast alles, was man sich an Natur wünscht: Meer, Berge, Höhlen, beinahe unberührte Landstriche, in denen sogar Wölfe und Bären leben.
  2. Menschen: Natürlich gibt es auch hier mißmutige und unfreundliche Menschen, aber wenn man sie näher kennenlernt, sind sie sehr herzliche und warme Menschen, die ihr letztes Schaf schlachten würden, um dem Gast ein angenessenes Mahl zu servieren. 
  3. Tomaten: Wer keine bulgarischen Tomaten gegessen hat, weiß nicht wie Tomaten eigentlich schmecken. Nein, auch teure Biotomaten kommen nicht dagegen an. Wobei eigentlich vieles in Bulgarien unfreiwillig nach Bio-Art angebaut wird. Für teure Machinen und Chemie fehlt oft das Geld.
  4. Kaum vorhandene Kommerzialisierung: Natürlich geht es auch hier oft ums liebe Geld und die überall sprießende Malls sind ein deutliches Zeichen dafür. Häufig stellt man allerdings fest, dass sogar elemtare Marketingregeln außer acht gelassen werden und auch Trinkgelder abgelehnt werden.
  5. Kostenloses Parken: Außer im Zentrum von Sofia, wo man sogar per SMS sein Parkticket ziehen kann, ist praktisch überall Parken kostenlos, selbst dort, wo Parkscheinautomaten aufgestellt wurden. Diese arbeiten aber i.d.R. nicht und dienen als Dekoration. Siehe auch vorherigen Punkt.
  6. Kinderfreundlichkeit: Jedes Café oder Restaurant, was auf sich hält, hat eine Spielecke für Kinder eingerichetet. Sehr angenehm für junge Familien.
  7. Niedrige Steuern: 10% Flat Tax schont den Geldbeutel. 
  8. Ladenöffnungszeiten: Läden haben praktisch immer auf. Schlecht für die Verkäufer, gut für Last Minute Käufer.
  9. Bulgarische Weine: Französische Weine haben das bessere Image, aber bulgarische Weine können  geschmacklich gut mithalten.
  10. Häufig kommt es in Bulgarien besser als man denkt.
Die entsprechende Negativliste ist bereits in Vorbereitung. ;-)

Pozdravi,
Ivan

08.02.2011

Bulgariens Weg nach Europa

Gerade komme ich von einem Kurzurlaub nach Bansko zurück. Dieser Ort liegt im Pirin Gebirge, im südwestlichen Teil Bulgariens. Es war bereits das dritte Mal, dass wir dort waren. Das erste Mal war 2003/04, das zweite 2006/07 und jetzt.
Beim ersten Mal war es tatsächlich noch das verschlafene Bergnest, wie man es noch teilweise im Zentrum erleben kann. 2003 wurde dann der moderne Gondellift und die von  Alberto Tomba designte und nach ihm benannte schwarze Tomba-Piste eingeweiht. Dies war der Startschuß für eine Tsunami ähnliche Entwicklung des Ortes. Mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen. Hotels und Apartmenthäuser schossen wie Pilze aus dem Boden. Mittlerweile gibt es auch ein Kempinski, eine Mall und Casinos. Dies trägt sicherlich zur positiven wirtschaftlichen Entwicklung des Ortes und seiner Bevölkerung bei. Allerdings hat man nicht das Gefühl, dass die Stadtplanung tatsächlich diesen Namen verdient. Hotels wurden in Überschwemmungsgebieten errichtet und für die ein oder andere Piste nebst Lift hat man sich die nötige Genehmigunge erstmal gespart. Lästiger Papierkram.
An einem Beispiel lässt sich auch gut die Europäisierung, von der in Bulgarien häufig die Rede ist, ablesen. Beim ersten Mal gab es noch 2 verschiedene Liftkartenpreise, einen für Bulgaren und einen für Ausländer. Der bulgarische Preis lag auf einem geradezu lächerlichen Niveau, der ausländische bewegte sich durchaus auf Alpenniveau. Die Unterscheidung gelang einfach auf Grund der Sprachkenntnisse. Im Zweifelsfall hat man einen Einheimischen zur Kasse geschickt. Da auch den Verantwortlichen die Brisanz und nicht gerade gastfreundliche Regelung irgendwann auffiel und es Beschwerden gab, wurden bei unserem zweiten Besuch die Preise nach oben angeglichen, nicht ohne für ein Schlufploch zu sorgen. Fragte man freundlich und auf akzentfreien Bulgarisch, ob es nicht einen Rabatt gebe, so bekam man den Preis für "loyale Kunden". Dieser lag gut ein Viertel unter dem Standardtarif. Wer nun loyal war oder nicht, lag im Ermessen des Kassierers. Interessanterweise kann man diese Preisregelung immer noch am Kassenhäuschen erkennen, die entsprechende Preistafel wurde nur unvollständig entfernt. Dieses Jahr ist nun alles anders. Rabatt bekommt nur, wer Student ist oder Leistungen der Julen AG (dem Pistenkonzessionär), wie Skivermietung oder Skikurs, in Anspruch nimmt. Und der Rabatt beträgt auch maximal 15%. Auch auf Nachfrage bekommt man den Studentenrabatt nur bei Vorlage eines Studentenausweises.

Nächstes Jahr fahren wir nach Österreich. ;-)